
Rache für WikiLeaks
Seit letzter Woche herrscht Krieg im vermeintlich freien Cyberland. Rebellische Protestaktionen attackieren mit virtuellen Molotows die bisherigen Herrscher im Niemandsland. Amazon, Mastercard, Visa, Twitter & Co stehen schutzlos im Dauerfeuer der selbsternannten Befreiergruppen und diese zeigen uns deutlich wer das sagen hat. „Wir sind das Web!“ schreien die Sympathisanten und keiner soll verschont bleiben.
Mit einer simplen kleinen Software, die sich die „Ionen-Kanone“ nennt, kann jeder auch ohne Hackerkenntnisse Teil der großen DDoS-Attacke werden (Distributed-Denial-of-Service-Attacken). Diese Software, bestückt mit einer Eingabemaske für Web-Adresse und Port-Nummer trägt mit einem Klick zum absoluten Mastergau bei. Selbst diejenigen, die die Software nicht herunterladen und nur als Zuschauer in der virtuellen Arena den Daumen senken, überlasten die Seiten selbst beim nachschauen ob es Visa oder Paypal nun auch wirklich erwischt hat.
Das es dabei längst nicht mehr nur um eine Protestaktion geht, sondern mittlerweile unter organisierter Kriminalität einzuordnen ist, ist denen die diese Aktionen frenetisch feiern, gar nicht bewusst.
Falsche Fährte
Die eigentlich als Rache angedachten Aktionen für die öffentliche Schmach an WikiLeaks und dessen Gründer Julian Assange, katapultiert sich mittlerweile in eine völlig unkontrollierbare Flut aus kriminellen Handlungen, die echten Schaden anrichten und damit WikiLeaks letzthin noch mehr in den Cyberschmutz ziehen wird. Denn Wikileaks selbst hat mit den Hack-Attacken nichts zu tun.
Die ohnehin die Massen und Medien spaltende Thematik der Veröffentlichung geheimer Daten und Dokumente wie über WikiLeaks, stellt die Befürwortung solcher Portale in ein anderes Licht. Information ist DAS Produkt der Internetgeneration und sollte jedem frei zugänglich sein, dennoch muss abgewogen werden, inwieweit darunter politisch prekäre Daten fallen und welche Konsequenzen durch die Veröffentlichung entstehen können.
Die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace
John Perry Barlow, Verfasser der Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, formulierte bereits 1996 seinen Patriotismus folgendermaßen:
„Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr“
Die Forderung war eine freie Entwicklung des Internets, die unabhängig von nationalen Regierungsinteressen sein sollte . Inwieweit die aktuellen Ereignisse noch im Interesse dieser sind, bleibt zweifelhaft. Es geht um Selbstverteidigung und Gerechtigkeit, zumindest meint das die protestierende Community. Erst vor wenigen Wochen, stellte sich allerdings diese Thematik ganz anders dar, wie der Fall Stuxnet zeigt. Hier kamen die Hackattacken aus organisierten Gruppierungen, deren Ursprung sogar in staatlichen Auftraggebern vermutet wurde. Das allgegenwärtige Thema unser aller Sicherheit war Prüfgegenstand. Datenschutz und die Sicherheit von Systemen und Daten und der entstandene wirtschaftliche und politische Schaden solcher Aktionen , wurde heiß diskutiert. Es ist also eine subjektive Sichtweise, keine objektive Handlungsgeistlichkeit, die da vonstatten geht.
Widerstand zwecklos ?
Ein Problem ist sicher, das es sich hier nicht um eine Gruppe handelt, sondern um einen Verbund von unzähligen Gleichgesinnten, die sich je nach Bedarf zusammenschließen und die Instrumente des Web und deren Infrastruktur als virtuellen Colt benutzen.
Was im Fall Mastercard geschah ist allerdings nicht mehr als Heldentat zu verzeichnen. Unzählige Kreditkartendaten wurden abgefischt und online veröffentlicht, bevor eingegriffen werden konnte. Ob allerdings diese Daten auch schon vorher über kriminelle Wege dahin gelangt sind oder erst durch die Attacke zugänglich waren ist nicht bekannt.
Es ist ein Kampf der Titanen, der am Ende keinen Sieger haben wird. Denn letztlich sprechen wir hier von strafbaren Handlungen, die weder eine Unabhängigkeit beschreiben noch besiegeln. Ganz im Gegenteil. Und das wird langfristig gesehen auch für Projekte wie WikiLeaks schädlich sein.